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Alt 08-11-2002, 08:57 - Rudolf Augstein
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Rudolf Augstein

Rudolf Augstein ist tot

Um zwei Wochen nur überlebte er den 40. Jahrestag seiner größten Demütigung und seines größten Triumphes: die historische SPIEGEL-Affäre von 1962. Im Alter von 79 Jahren ist SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein jetzt an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.


Die größte Demütigung war die SPIEGEL-Affäre, weil ihn die deutsche Justiz 103 Tage lang als verdächtigen Landesverräter in Untersuchungshaft hielt, ihn, der trotz aller ätzender Kritik an der Republik des Kanzlers Adenauer doch immer ein Patriot war. Einen versuchten rechtsbrecherischen Vernichtungsschlag gegen den SPIEGEL hatte er, hatten wir alle damals, denn doch nicht für möglich gehalten.
Dann aber der Triumph: Der Hassgegner Franz Josef Strauß, der Lüge überführt und der Anklage wegen Amtsmissbrauchs nur dank einer abermals parteiischen Justiz entwischt, stürzte. Er brauchte vier Jahre, ehe er als Minister der Großen Koalition wieder politisch halbwegs ehrbar wurde.

Die Protestwelle, die damals für Rudolf Augstein und sein Blatt durch das Land rollte, machte dem patriarchalischen, weitgehend autoritär geprägten Staat Adenauers den Garaus - ein Gewaltstreich gegen die Pressefreiheit wie der von Strauß und seinen Justizgehilfen wurde niemals wieder möglich. "Was sind 103 Tage Gefängnis in einem langen Leben, wenn dadurch so viel erreicht wurde?", fragte Augstein, schon schwer krank, in seinem letzten Interview mit dem eigenen Blatt.

Sogleich fällt auf: Die Feststellung, dass "so viel erreicht wurde", kann sich auf die 103 Tage Haft, aber auch auf das "lange Leben" beziehen - und bestimmt war diese Unbestimmtheit gewollt.

Denn Rudolf Augstein, der große scharfe, oft rabiate Polemiker, liebte auch das Zweideutige und genoss die Verwirrung, in die er sein Publikum damit stürzte. Was er politisch wollte, mal in aller Härte auszusprechen, aber auch mal subtil zu verschleiern - das war seine journalistische Kunst.

Das Vieldeutige liebte er auch an den Großen der Weltgeschichte, die er zeit seines Lebens studierte und sezierte und sich - wie wir meinten - mit ihnen auch heimlich verglich, gleich ob Friedrich der Große oder Bismarck, Churchill oder de Gaulle. Aber keiner war auch vor seinen donnernden Urteilssprüchen sicher. Er schrieb über tausend meist polemische Leitartikel, ein Rekord, den kein anderer Journalist weltweit erreicht hat, und ein Journalist, der zugleich Herausgeber und Verleger, also auch Geschäftsmann, ist, schon gar nicht.

Nie wäre aus dem SPIEGEL, der noch 1960 als Revolverblatt galt, das führende politische Nachrichtenmagazin der Republik geworden, hätte Augstein nicht den Kurs vorgegeben ("Wir sind ein linksliberales, im Zweifel linkes Blatt"), zugleich aber seiner Redaktion so viel Freiheit gelassen, dass eine große Zahl qualifizierter Journalisten über Jahre bei einem Medium blieben, für das sie bis vor kurzem fast nur anonym schreiben konnten.

In den großen politisch-publizistischen Feldschlachten der siebziger und achtziger Jahre - Westbindung oder deutsche Einheit, Atlantiker gegen Gaullisten, Nato-Nachrüster gegen Pazifisten - ließ der Herausgeber zu, was ihm argumentativ einleuchtete. Natürlich hätte ihm nicht eingeleuchtet, den atomwaffengierigen Strauß der Kanzlerschaft für würdig zu befinden, aber auf einen solchen Gedanken wäre auch in der Redaktion niemand gekommen.

Rudolf Augsteins größtes politisches Verdienst war, dass er als erster demokratischer deutscher Publizist verlangt hatte, Deutschland müsse die aus dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Tatsachen anerkennen, vor allem also die Westgrenze Polens und, als Mittel zur deutschen Wiedervereinigung, auch die DDR.

Und sein größter menschlicher Zug war vielleicht, dass sein beispielloser politischer, publizistischer und unternehmerischer Erfolg ihn nie maßlos werden ließ. Im Gegenteil, er relativierte sogar, was seinerzeit durchaus ein Existenzkampf um sein Lebenswerk war. Seinem berühmten Wort zur SPIEGEL-Affäre "Wir waren das Sturmgeschütz der Demokratie" ließ er sofort eine Einschränkung folgen: "mit verengten Sehschlitzen".

Quelle: Spiegel Online

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Also mich hat das irgendwie sehr geschockt, als ich das gehört habe. Das macht mich traurig, eine wichtige Gestalt der deutschen Nachkriegsgeschichte ist tot. Jemand der zwar in einer Partei organisiert war, aber trotzdem der Politik sehr genau auf die Finger geschaut hat.

Hoffentlich wird die Tradition des (meist) seriösen Politik-Aufdeck-Journalismus fortgesetzt.
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